Postautonome

Zusammenfassung

  • Postautonome ist die Selbstbezeichnung einer Strömung im deutschen Linksradikalismus, die sich in Fragen der Organisation, der Bündnisarbeit und politischen Protestpraxis von Leitideen der Autonomen absetzt, mit dem Ziel die gesellschaftliche Isolation in abgeschlossenen Szenen zu überwinden.
  • Auch wenn eine Skepsis gegenüber formalen Organisationsstrukturen prägend ist, zeichnen sich die Postautonomen doch durch überregionale netzwerkartige Strukturen aus, die sogar in das österreichische Ausland ausgreifen.
  • Postautonomie ist mit ideologischer Diversität verbunden, es werden vorwiegend Ideologeme aus dem postmarxistischen und anarchistischen Spektrum rezipiert. Konflikte und Bruchlinien, die den linken Radikalismus insgesamt prägen, sind auch bei den Postautonomen anzutreffen.
  • Für die Praxis des politischen Protests spielen Konzepte des zivilen Ungehorsams eine Rolle.

Begriff

Das Schlagwort Postautonomie steht für eine Strömung des linken Radikalismus in Deutschland. Das Präfix „post-“ verweist darauf, dass in dieser zum einen grundlegende Prinzipien der Autonomen, wie etwa die Ablehnung von Hierarchien, die Politisierung und Moralisierung des Privaten etwa, zumindest partiell weitergeführt werden. Zum anderen sollen neue Wege eingeschlagen werden durch eine Verbindlichkeit und Kontinuität der Organisation, ebenso eine gewisse Orientierung auf die öffentliche Meinung, was die Aufmerksamkeit der „bürgerlichen“ Presse voraussetzt. Damit verbunden ist das Streben nach Bündnissen mit szeneexternen Akteuren und die Ausrichtung der eigenen Aktivitäten auf eine angenommene Vermittelbarkeit. Weiterhin ist Postautonomie mit spezifischen Strategien des politischen Aktivismus sowie mit Vorlieben für bestimmte Vordenkerinnen und Vordenker aus dem neomarxistischen und anarchistischen Spektrum als theoretische Bezugspunkte verknüpft.[1]

Die 1990er Jahre: Organisationsdebatten der Autonomen und bundesweite Antifa-Strukturen

Obwohl vielfach als neueres Phänomen wahrgenommen, blickt die Postautonomie auf eine Geschichte, die bis in die 1990er Jahre zurückreicht. Zu Beginn der 1990er Jahre wurden in den Zeitschriften der Autonomen selbstkritische Debatten geführt. Dabei wurde die Kampagnenpolitik („Ein-Punkt-Politik“) und die fehlende Lernfähigkeit, aber auch die subkulturelle Isolierung der Autonomen vom Rest der Gesellschaft kritisiert. Widerspruch erfuhr auch der Subjektivismus der Autonomen, der allein die persönlichen Erfahrungen und Empfindungen sowie das subjektive Wollen zum Ausgangspunkt für politisches Handeln mache und einer Analyse der objektiven Verhältnisse im Wege stehe.[2] Die Autonomen seien „eher radikale Jugendkultur als altersübergreifende Bewegung“[3] und mitnichten frei von – freilich informellen – Hierarchien und Leistungsdruck.[4] „Aus dem voluntaristischen Subjektivismus“, hieß es, „resultiert Theoriefeindlichkeit wie Militanzfetischismus.“[5]

Nach der mit diesen Argumenten geführten Diskussion entstanden neue Organisationsansätze als dezidierte Gegenentwürfe zur bisherigen Autonomenpolitik wie die Berliner Gruppe „Für eine linke Strömung“ (FelS), die „Antifaschistische Aktion/Bundesweite Organisation“ (AA/BO) und, unabhängig davon, bereits 1989 als Zusammenschluss autonomer Gruppen in Norddeutschland die Formation „Avanti – Projekt undogmatische Linke“.

Auf der rein organisatorischen Ebene unterscheiden die genannten Gruppierungen und ihre Nachfolger sich von klassisch autonomen Gruppen in erster Linie durch ihren Anspruch eines überregionalen bzw. nationalen Formats, durch das Streben nach Kontinuität und eine Arbeitsteilung. Diese Arbeitsteilung findet Ausdruck in kontinuierlich themenspezifisch arbeitenden Arbeitsgruppen sowie einer Politik strategischer, über Szenezusammenhänge hinausgehender Bündnisse. Gleichwohl distanzieren sich die neuen Organisationsansätze aber auch scharf vom Modell einer politischen Partei. Basisdemokratische Reinkultur wird indes zugunsten eher rätedemokratischer Verfahren und Mehrheitsentscheidungen aufgegeben.

Als nach der Jahrtausendwende verstärkt staatliche Maßnahmen gegen Rechtsextremismus den linksradikalen Antifa-Aktivitäten ein großes Stück ihres Distinktionsmoments nahmen und die Antiglobalisierungsbewegung mehr und mehr linksradikale Aufmerksamkeit auf sich zog, zerfiel die mittlerweile stark geschrumpfte AA/BO.Der antifaschistische Konsens vermochte zudem nicht die an Bedeutung gewinnende innerlinke Konfliktlinie zwischen antiimperialistischen und antideutschen[6] Überzeugungssets zu überbrücken und leitete eine Phase der Refragmentierung der radikalen Linken ein.[7] FelS, zeitweise Teil der AA/BO, und Avanti sollten später in der Interventionistischen Linken aufgehen.

Die Interventionistische Linke und …ums Ganze! – Kommunistisches Bündnis

Die beiden großen postautonomen Strukturen der Gegenwart, die Interventionistische Linke (IL)[8] und …ums Ganze! – Kommunistisches Bündnis (uG), entstanden in Vorbereitung auf die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm bzw. traten in diesem Zusammenhang erstmals öffentlich in Erscheinung. Obwohl die Mitgliedschaft in beiden Formationen den Angaben der Verfassungsschutzberichte zufolge relativ überschaubar zu sein scheint[9], bestimmen sie vor allem durch ihre oftmals prominente Mitwirkung an Protestgroßereignissen, wie zuletzt anlässlich von Klimaprotesten und Hafenblockaden in Hamburg[10], des Hamburger G-20 Gipfels im Juli 2017 oder durch ausdauernde Kampagnen wie „Blockupy“ und „Ende Gelände“ die öffentliche Wahrnehmung linker Radikalität in der Bundesrepublik deutlich mit.

Im uG-Bündnis fanden sich in erster Linie Antifa-Gruppen zusammen, denen die Protestprogrammatik anderer Akteure zu oberflächlich erschien und die in vielen Aufrufen und Parolen eine gefährliche Nähe zu rechter Globalisierungskritik und antisemitischen Denkmustern ausmachten. Die uG-Aktivisten begründeten ihre Organisierung mit dem Ziel „einer Kontinuität im politischen Handeln und einer Entwicklung hin zu einer gemeinsamen theoretischen Basis“ und formulierten den Anspruch, „nicht bei blindem Aktionismus stehen zu bleiben“.[11] Mit einem positiven Verhältnis zum Begriff des Kommunismus, den man im Bündnisnamen trägt, ist augenscheinlich ein Bruch mit der autonomen Skepsis gegenüber dem marxistischen Vokabular vollzogen, das durch autoritäre Regime in Misskredit geraten ist. Obwohl die Bezeichnung „Bündnis“ auf eine lockerere Kooperation zu verweisen scheint, wird deutlich gemacht, dass dem Formulieren von einheitlichen Positionen ein großer Stellenwert beigemessen wird.[12] Paradoxerweise korrespondiert dieser Theoriefokus damit, dass man im Ruf steht, sich eher an militanten Protestpraktiken zu beteiligen als die Genossen von der IL.[13] Ein mit den Begriffen Antifaschismus und Antinationalismus (Kampagne „Nationalismus ist keine Alternative“) eingrenzbares Themenspektrum bildet neben fundamentaler Kapitalismuskritik den Aktivitätenschwerpunkt des Bündnisses.

Mit aktuell 11 Mitgliedsgruppen[14] ist uG deutlich kleiner und bei zivilgesellschaftlichen Kooperationen – etwa der Zusammenarbeit mit NGOs, aber auch Bündnissen mit als reformistisch geschmähten Kräften der radikalen Linken – durchaus wählerisch.

Anders die IL: Dieser ist an „kurzfristigen taktischen Bündnissen und langfristiger, strategischer Bündnisarbeit“[15] gelegen. Sie wendet sich gegen die „zynische Kritik des Bestehenden, die nur kritisiert, ohne Handlungsperspektiven zu öffnen und die alle realen Kämpfe und linken Interventionen denunziert, weil sie den Ansprüchen der vorgeblich richtigen Kritik nicht genügen“[16]. Seit den ersten Schritten zu ihrer Gründung im Jahr 2005 hat die IL ihre Strukturen allmählich verfestigt, von anfänglich losen Treffen verschiedener Gruppen und Einzelpersonen über einen „strukturierten Austausch“ bis hin „zu einer verbindlichen Organisationsstruktur“[17].. Sie strebt an, sich von einem Netzwerk zu einer einheitlichen Organisation zu entwickeln, wobei der Diskussionsprozess um die Organisationsfrage kaum als abgeschlossen bezeichnet werden kann.[18]

So treten einige Mitgliedsgruppen noch immer relativ eigenständig auf, firmieren nicht als IL-Ortsgruppe, sondern behalten ältere Gruppenidentitäten bei. Zuweilen finden sich in einer Stadt zwei Mitgliedsgruppen, so in Göttingen und Düsseldorf. Laut ihrem Internetauftritt ist die IL in 25 Städten vertreten, wobei fehlende aktuelle Beiträge auf den Online-Auftritten mancher Gruppen darauf schließen lassen, dass es sich durchweg um aktive Gruppen handelt.[19]

Emily Laquer, die als IL-Sprecherin nach den G20-Protesten sogar an einer ZDF-Talkshow teilnahm, ist das prominenteste Beispiel für Ansätze einer Re-Personalisierung linksradikaler Politik, das heißt einer Abkehr von einer strikten Anonymitätswahrung des Einzelnen bei den Postautonomen im Allgemeinen und der IL im Speziellen.[20] Schließlich: Beide großen postautonomen Formationen sind auch in Österreich vertreten, mit jeweils einer Mitgliedsgruppe. Während das uG-Bündnis auf die Eigenständigkeit der Mitgliedsgruppen verweist, verfügt die IL über räteähnliche Strukturen, in denen Mehrheitsentscheidungen getroffen werden.[21]

Die pauschale Etikettierung von uG als antideutsch und der IL als antiimperialistisch bedarf allerdings einer Differenzierung.[22] Die uG-Gruppen begreifen sich als „antinational“, womit eine Trennlinie zu antiislamischen und bellizistischen Positionen sowie der Annahme „einer ,deutschen Spezifik‘ nationaler Ideologie“[23] im antideutschen Lager gezogen werden soll. Gleichzeitig gehört marxistischer Antiimperialismus zwar ohne Zweifel zum heterogenen Theoriekanon der IL und schlägt sich beispielsweise in der Solidarität mit dem venezolanischen Maduro-Regime nieder, ist aber keineswegs die alles erklärende ideologische Brille. Grundsätzlich hat Antiimperialismus als Begriff und Ideologie bei den Postautonomen der Gegenwart an Bedeutung verloren. Zu verzeichnen ist eine Verschiebung weg von der Solidarität mit nationalen Unabhängigkeitsbewegungen hin zu einem Internationalismus, der sich positiv auf „Versuche der Selbstorganisierung von unten“[24] bezieht, was unter anderem zu einer Idealisierung und Romantisierung der mexikanischen Zapatistas oder der kurdischen Selbstverwaltung in Nordsyrien (Rojava) führt.

Ein deutliches Differenzierungsmerkmal zwischen IL und uG bildet das Verhältnis zu systemkonformen Akteuren. Denn im Gegensatz zu uG pflegt die IL enge Verbindungen zur Partei Die Linke („Mit der Linkspartei wird gekuschelt, vielleicht auch, weil die Partei für einige Genossen Arbeitgeber ist.“[25]), zur Rosa-Luxemburg-Stiftung und zu Gewerkschaften, auch mit der DKP kooperiert man gelegentlich. Zwar sei man „antagonistisch zum Staat“, begrüße jedoch „starke linke Parteien“ in den Parlamenten, glaube aber „nicht daran, dass parlamentarische Mehrheiten in der Lage sind, die Gesellschaft grundsätzlich und in einem emanzipatorischen Sinn zu verändern“. Angesichts dessen brauche es eine außerparlamentarische Linke, die auf „Selbstermächtigung der Ausgebeuteten und Unterdrückten zielt und die in ihren Aktionen das staatliche Gewaltmonopol bestreitet, weil sie nicht nach der Legalität, sondern der Legitimität der eigenen Politik fragt“[26], ohne zwingend mit der parlamentarischen Linken zu konkurrieren.

Postautonomie und Militanz

Gerade bei Protestgroßereignissen wie dem Hamburger G20-Gipfel zeigen sich die Dissonanzen zwischen den beiden wichtigsten postautonomen Organisationen, die ihre jeweilige Identität auch durch gegenseitige Kritik und Abgrenzung formen, gleichzeitig wurde bei den Anti-G20-Protesten aber ebenfalls deutlich, dass es keine derartig tiefen Gräben gibt, dass gemeinsam unterzeichnete Demonstrationsaufrufe ausgeschlossen wären.[27] Von einer offenen Feindschaft der beiden Formationen kann kaum gesprochen werden. Kooperationen, das zeigten von 2012 bis 2016 schon die Frankfurter Blockupy-Proteste, sind durchaus möglich.[28]

Ausschreitungen wie beispielsweise diejenigen im Hamburger Schanzenviertel am Freitagabend des G-20 Gipfels wurden zwar nicht von postautonomen Gruppen initiiert, gleichzeitig aber auch nicht explizit kritisiert, sondern ambivalent bewertet, wobei der Diagnose eines positiven Symbolwerts des Widerstands auch Klagen über die negativen Auswirkungen für das eigene Wirken (Vertrauensverlust, Isolierung, Ablenkung von Inhalten etc.) gegenüberstehen, wie in den Blogbeiträgen auf der IL-Seite zu lesen ist.[29] Thomas Seibert, eine Art spiritus rector der IL, verortet seine Gruppierung mit ihrer Praxis des zivilen Ungehorsams in den „radikalen Strömungen der Mehrheitslinken“, denen die „minderheitslinke Revolte“ gegenüberstehe, welche die Gefahr „fundamentalistischer Gewalt“ berge, welche sich „gegen die Gesellschaft […] – nicht zugunsten einer anderen Gesellschaft“ ausspreche. Sie mahne jedoch die „Mehrheitslinke“: „jede wirkliche wie jede mögliche Gesellschaft – Gesellschaft überhaupt – ist und wird ein Zwangsverhältnis sein“.[30] Das uG-Bündnis gewinnt dem „riot“ im Schanzenviertel demgegenüber Positiveres ab:

„[D]er kleine „Hamburger Aufstand“ [war] ein Schritt nach vorne. Das gilt, obwohl während der militanten Aktionen auch viel Macker-Scheisse passiert ist; welchen Sinn es etwa haben soll Kleinwagen anzuzünden und Unbeteiligte zu gefährden erschließt sich uns nicht. […] Wenn die Kids aus dem Viertel gemeinsam mit Aktivist*Innen aus ganz Europa eben jenen Bullen, die beide aufs übelste drangsalieren, mal zeigen, dass das Blatt sich auch – zumindest für ein paar Stunden – wenden kann, wenn der hochgerüstete Sicherheitsstaat mal ein wenig die Kontrolle verliert, dann ist das gut und nicht schlecht.“ [31]

Theoretische Bezugspunkte: PostoperaismusTheoretische Bezugspunkte: Postoperaismus

Obgleich sich, ganz im Sinne eines Selbstverständnisses als undogmatische Linke, auch in postautonomen Reihen keine festgefügten Welterklärungsansätze herauskristallisiert haben, so ist doch erkennbar, dass bestimmte Konzepte besonders rege diskutiert werden. Hervorzuheben ist dabei der Postoperaismus, als deren zentrale Exponenten die Autoren Antonio Negri (Italien), Michael Hardt (USA) und John Holloway (Mexiko) gelten. Der Postoperaismus schließt an Theoreme des Operaismus an und wurde wie dieser in einem Wechselspiel gegenseitiger Inspiration zwischen verschiedenen sozialen Bewegungen und linksradikalen Intellektuellen entwickelt. Im Gegensatz zu „klassisch“ marxistischen Ansätzen, die in der (gesetzmäßigen) Produktivkraftentwicklung das zentrale Movens geschichtlichen Fortschritts sehen, wird im Operaismus davon ausgegangen, dass die Kämpfe der ArbeiterInnen die Evolution des Kapitalismus entscheidend bestimmen. Das Agieren der Kapitalseite wird vorwiegend als Reaktionsbildung auf eine widerständige Arbeiter*innenschaft betrachtet. Im Postoperaismus tritt an die Stelle des Industrieproletariats die schillernde Figur der „Multitude“ (Hardt/Negri), hinter der sich nicht nur Lohnarbeiter*innen, sondern alle diejenigen verbergen, die in den Bereichen der Produktion wie auch in der gesellschaftlichen Reproduktion (bspw. in der Hausarbeit) ausgebeutet werden. Die Multitude soll allerdings nicht in einer hierarchischen Großorganisation zusammengeführt werden. Vielmehr richten sich die Hoffnungen des Postoperaismus auf eine Vielzahl unabhängig voneinander agierender basisdemokratisch verfasster sozialer Bewegungen und deren Widerstände gegen mannigfache Ungerechtigkeiten und Ausbeutungsverhältnisse. Die vielfache Selbstorganisation der Multitude, die mit ihren Aktionen dem Kapitalismus die Reproduktion verweigert, so die vage Erwartung, soll schließlich die Grundlage der Zukunftsgesellschaft bilden. Als Antagonisten der Multitude entwerfen Michael Hardt und Antonio Negri das „Empire“. Das globale Geflecht nationaler und supranationaler Steuerungsinstanzen regiere die Welt entsprechend den Imperativen des globalen Marktes. Viele ihrer Aktivitäten begreifen postautonome Gruppierungen vor diesem theoretischen Hintergrund als Beitrag bzw. Anstoß zur Selbstermächtigung der Multitude.[32]

Protestpraktik: ziviler Ungehorsam

IL und uG labeln einen Großteil ihrer Protestpraxis, allem voran Besetzungs- und Blockadeaktionen, als „(zivilen) Ungehorsam“[33] und wollen sich damit von autonomer Militanz abgrenzen. Mit dem Begriff des zivilen Ungehorsams werden in der politischen Theorie Konzepte eines bewussten, gewaltfreien Bruchs einer gesetzlichen Norm unter Berufung auf ein höheres, zumeist auch verfassungsmäßiges Recht wie etwa die Menschenrechte oder aber moralische Prinzipien benannt[34]. Ihm haftet einerseits aus linksradikaler Perspektive das Manko an, durch seine Verwendung mit einer grundsätzlichen Bejahung der herrschenden Rechts- und Gesellschaftsordnung in Verbindung gebracht werden zu können.[35] Andererseits gelten gerade Praktiken, die sich als ziviler Ungehorsam verhandeln lassen, als probates Mittel in „strategischen Bündnissen […] für eine Politik des Bruchs mit dem Kapitalismus und der radikalisierenden Selbstermächtigung in der Aktion“ zu werben, ist doch für sie außerhalb der radikalen Linken deutlich einfacher Akzeptanz zu erzielen als eindeutige[36] Gewaltpraxen.

Wie vieles andere in der radikalen Linken Deutschlands hat die Konjunktur des zivilen Ungehorsams ihren Ursprung in Italien. Dort entstand in den 1990er Jahren die Bewegung der Tute Bianche (weiße Overalls), die sich später in Disobbedienti (Ungehorsame) umbenannten. Namensgebend waren die weißen Overalls, die die Mitglieder der Gruppierung während ihrer Aktionen trugen, um dadurch auf die ‚unsichtbaren‘ Ausgebeuteten hinzuweisen, gleichzeitig sollte Zurückhaltung in puncto Gewaltbereitschaft signalisiert werden. Als „defensiv-offensive“ Strategie verstand man dabei, sich gleichzeitig ausgiebig um Schutzausrüstung gegen Polizeiknüppel und Tränengas zu kümmern.[37]

Bilder jüngerer Protestgroßereignisse in der Bundesrepublik zeugen davon, dass die weißen Overalls den Weg über die Alpen gefunden haben. Weiß uniformierte Mengen, die Polizeiketten durchbrechen, Maschinen des Braunkohletagebaus besetzen oder Gleise blockieren vermitteln medial einen trügerischen Eindruck von einer Leichtigkeit des kollektiven Normbruchs und setzen einen eindrücklichen Kontrapunkt zur bedrohlichen Optik des Schwarzen Blocks.

Zu Gewalt wird also zwar nicht offensiv aufgerufen, andererseits aber verurteilt man sie auch nicht grundsätzlich.

Aktuelle Krise?

Nachdem die beiden derzeit zentralen postautonomen Strukturen mittlerweile auf eine mehr als anderthalb Dekaden umfassende Geschichte zurückblicken, mehren sich die Krisendiagnosen. Dem uG-Bündnis wird attestiert „fast völlig in der Versenkung verschwunden“[38] zu sein, bei der IL sei „die organisatorische und inhaltliche Entwicklung der IL insgesamt ins Stocken“[39] geraten, heißt es andernorts. Austritte lokaler Gruppen verweisen in der IL darauf, dass mit der Bilanz des Konzeptes Postautonomie und seiner Umsetzung gehadert wird. Die Ex-Mitstreiter*innen kritisieren an der IL, dass diese sich zu sehr der Reformierung des bestehenden Systems verschrieben habe und dieses damit stabilisiere, anstatt auf dessen revolutionäre Überwindung hinzuarbeiten – hier zeigt sich eine Debatte (Reform vs. Revolution), die radikallinke Systemopposition seit dem 19. Jahrhundert begleitet. Aktivitäten wie die Unterstützung der erfolgreichen Kampagne „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ förderten eher die Anpassung der linksradikalen Aktivist*innen als dass sie den Bruch mit „dem System“ vorantrieben.[40]

Schließlich hadern die Kritiker*innen mit der Protestpraxis: ,Der Ungehorsam ist inzwischen ritualisiert. (…) Den Rahmen dafür stellt ein linkes Regelwerk mit Aktionskonsens, für den auch die IL steht. Bestes Beispiel dafür ist Ende Gelände. Alles ist maximal kontrolliert. Wir sind darin ein Ordnungsfaktor, der Regeln setzt und verwaltet und letztlich zum Befrieden beiträgt. Zur Befriedung antagonistischer Konflikte gibt es die Zivilgesellschaft. Und wir sind inzwischen Teil dieser Zivilgesellschaft‘[41] heißt es in einer Broschüre mit dem Titel „Die IL läuft Gefahr, Geschichte geworden zu sein“. Trotz derartiger Kritik und den Abgängen einiger Enttäuschter scheint es dennoch zu früh, das Scheitern des postautonomen Ansatzes auszurufen, stehen den Aussteigern doch auch Neuzugänge gegenüber. Vielmehr zeigt sich, dass auch in der Postautonomie nicht der Königsweg eines fragmentierten undogmatischen linken Radikalismus in Deutschland gefunden ist.

Autor

Alexander Deycke


[1] Die Bezeichnung Postautonome für eine linksradikale Strömung scheint im Verlauf der zweiten Hälfte der 1990er Jahre und zunächst als Fremdzuschreibung (innerhalb der radikalen Linken) gebräuchlich geworden zu sein. Vgl. Felix Spohnholz, Große Klappe, leere Straßen. Nazi-Mobilisierung und linke Orientierungslosigkeit: Der Berliner autonome 1. Mai ist in der Krise, in: jungle world, 25.03.1998; Bernd Hüttner, Pfeifen im Keller. Stand, Bewegung, Differenzen und Aussichten autonomer und linksradikaler Politik, in: Forum Wissenschaft, H. 4/1998, S. 44–49, hier S. 44.

[2][2] Sebastian Haunss, Identität in Bewegung. Prozesse kollektiver Identität bei den Autonomen und in der Schwulenbewegung, Wiesbaden 2004, S. 135–143.

[3] Heinz Schenk, Die Autonomen machen keine Fehler, sie sind der Fehler!, in: interim 166, 24.10.1991, zit. nach Für eine linke Strömung (FelS) (Hg.), „Heinz Schenk Debatte“, Berlin 2015, S. 14–22, hier S. 16, URL: https://fels.nadir.org/multi_files/fels/heinz-schenk-debatte_0.pdf [eingesehen am 27.11.2022].

[4] Vgl. Roberto Blanco, Noch ein ketzerisches Papier, in: interim 169, 14.11.1991, zit. nach Für eine linke Strömung (FelS) (Hg.), „Heinz Schenk Debatte“, S. 30–33, hier S. 32.

[5] FelS, Praktische Konsequenzen – Die Gründung der Gruppe FelS. Thesenpapier zur Veranstaltung am 28. Januar 1992, in: Für eine linke Strömung (FelS) (Hg.), „Heinz Schenk Debatte“, S. 57f.

[6] Zentraler Streitpunkt zwischen Antiimperialisten und Antideutschen ist die Haltung zum Nahostkonflikt. Während die antiimperialistische Solidarität den Palästinensern gilt, welche als Opfer kolonialistischen Expansionsdrangs gesehen werden, solidarisieren sich Antideutsche mit Israel als Staat der Holocaust-Überlebenden und Refugium für bedrohte Juden sowie mit dessen Schutzmacht USA.

[7] Vgl. A.G. Grauwacke, Autonome in Bewegung, S. 291–312; Mirja Keller u.a., Antifa. Geschichte und Organisierung, Stuttgart 2011, S. 92; Robert Foltin, Post-Autonomie. Von der Organisationskritik zu neuen Organisationsformen? Münster 2016, S. 22ff.; Autonome Antifa [M]: Es war einmal… Antifa (M) zur AA/BO, in: Arranca!, H. 5/1994, S. 22–24, URL: https://archive.arranca.org/ausgabe/5/es-war-einmal [eingesehen am 27.11.2022]; Antifa (M), Antifaschismus auf antiimperialistischer Grundlage, in: Projektgruppe (Hg.), Antifa. Diskussionen und Tips aus der antifaschistischen Praxis, Berlin 1994, S. 49–66.

[8] Als Vorläufer der IL gelten sogenannte „Beratungstreffen“, die seit 1999 stattfanden. Vgl. Jan Ole Arps, Wo sind die Revolutionär*innen?, in: analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 684, 16.08.2022, URL: https://www.akweb.de/ausgaben/684/streit-in-der-interventionistischen-linken-wo-sind-die-revolutionaer-innen/ [eingesehen am 01.12.2022].

[9] Dem Jahresbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz zum Jahr 2021 zufolge sind der IL 1000 und dem UG-Bündnis ca. 280 Personen zuzurechnen, während die Anzahl der „Autonomen“ mit rund 8000 angegeben wird. Vgl. Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hg.), Verfassungsschutzbericht 2021, Berlin 2022, S. 150ff.

[10] Vgl. o.V. Zusammenstöße bei Blockaden nach Klimademos in Hamburg, in: sueddeutsche.de, 14.08.2022, URL: https://www.sueddeutsche.de/politik/demonstrationen-hamburg-zusammenstoesse-bei-blockaden-nach-klimademos-in-hamburg-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-220813-99-372295 [eingesehen am 30.11.2022]; o.V. PM: Erfolgreiche Räumung des Hamburger Hafens, 13.08.2022, URL: https://www.umsganze.org/erfolgreiche-hamburger-polizeigewalt/ [eingesehen am 01.12.2022].

[11] AK Wantok, Interview mit AktivistInnen zu gegenwärtigen linksradikalen Organisationsansätzen, in: dies. (Hg.), Perspektiven Autonomer Politik, Münster 2010, S. 199–211, hier S. 199.

[12] Vgl. o. V., „Wir sind nicht die Bewegung“. Ein Gespräch mit drei AktivistInnen über Chancen und Gefahren ihrer Organisierungsvorhaben, in: TOP B3rlin, 25.01.2014, URL: https://top-berlin.net/de/texte/interviews/wir-sind-nicht-die-bewegung [eingesehen am 13.03.2020, Seite inzwischen offline 27.11.2022].

[13] Vgl. Foltin, Post-Autonomie, S. 47

[14] Basisgruppe Antifaschismus (BA) (Bremen), TOP B3rlin –Theorie. Organisation.Praxis (Berlin), critique’n’act (lokales Bündnis der Gruppen e*vibes, Ausser Kontrolle, Undogmatische Radikale Antifa und gruppe polar aus Dresden), Redical [M] (Göttingen), Antifa AK Köln (Köln), Kritik&Praxis – radikale Linke (Frankfurt), autonome antifa [w] (Wien), antifa nt (München), In/Progress (Braunschweig), Communist Action & Theory, und Eklat (Münster). Vgl. URL: https://umsganze.org/ [eingesehen am 29.11.2022].

[15] AK Wantok, Interview mit AktivistInnen, S. 209.

[16] IL-Zwischenstandpapier, S. 19.

[17] Bernhardt, Markus, „Viel Luft nach oben, der Wut Ausdruck zu verleihen“. Gespräch mit Mischa Aschomeit, in: jungewelt.de, 26.02.2019, URL: https://www.jungewelt.de/artikel/348044.interventionistische-linke-viel-luft-nach-oben-der-wut-ausdruck-zu-verleihen.html [eingesehen am 27.11.2022].

[18] Vgl. Interventionistische Linke, Organisierungsdebatte.Beiträge aus der Organisierungsdebatte der iL,

 URL: https://interventionistische-linke.org/projekt/organisierungsdebatte [eingesehen am 18.07.2019].

[19] Aschaffenburg, Berlin, Bielefeld, Bremen, Darmstadt, Düsseldorf, Frankfurt, Göttingen, Graz, Halle, Hamburg, Hannover, Heidelberg, Karlsruhe, Kiel, Köln, Leipzig, Lübeck, Mannheim, Marburg, München, Norderstedt, Nürnberg, Rostock, Stuttgart, Tübingen. URL: https://interventionistische-linke.org/ [eingesehen am 29.11.2022]

[20] Mit denjenigen, die unter Klarnamen in der Öffentlichkeit als IL-Aktivisten in Erscheinung treten, scheint es in der IL so etwas wie eine Gruppe von informellen Wortführern und Vordenkern zu geben. Im Vergleich zur IL ist uG hinsichtlich Klarnamen zurückhaltender und zieht es vor, die imaginäre Pressesprecherin Marlies Sommer sprechen zu lassen. Vgl. exemplarisch …ums Ganze! Presse, Pressemitteilung (19.5.12): 30.000 gegen Kapitalismus / Polizeiprovokationen, 19.05.2012, URL: https://umsganze.org/pressemitteilung-19-5-12-30- 000-gegen-kapitalismus-polizeiprovokationen/ [eingesehen am 29.03.2020].

[21] O.V., Politische Erfahrung kann man nicht wie einen Fußball abgeben, in: analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 607, 18.8.2015, URL: https://archiv.akweb.de/ak_s/ak607/23.htm [eingesehen am 29.11.2022].

[22] Udo Baron, Vom Autonomen zum Postautonomen. Wohin steuert die autonome Bewegung?, in: Armin Pfahl-Traughber (Hg.), Jahrbuch für Extremismus- und Terrorismusforschung 2015/16 (II), Brühl 2016, S. 59–79, hier S. 70 u. S. 76.

[23] TOP B3rlin, Imagine there’s no countries /It isn’t hard to do /… Here we go again: Endgültige Anmerkungen zur These einer „deutschen Spezifik“ nationaler Ideologie, in: …ums Ganze!-Bündnis (Hg.), UGMAG. Linksradikale Betrachtungen, Berlin 2012, Broschüre, S. 6–7, hier S. 6.

[24] Foltin, Post-Autonomie, S. 64.

[25] Erik Peter, Kuscheln im Bündnis. in: taz.de, 10.09.2014, URL: https://taz.de/Linksradikale-Zusammenschluesse/!5033589/ [eingesehen am 29.11.2022].

[26] IL-Zwischenstandspapier, S. 21, URL: http://www.interventionistische-linke.org/positionen/il-im-aufbruch-ein-zwischenstandspapier [eingesehen am 29.11.2022].

[27] Vgl. Georg Kirsche-Humboldt, Die Gräben bleiben, in: taz.am wochenende, 20.05.2017.

[28] Vgl. Blockupy, Was ist Blockupy, URL: https://blockupy.org/blockupy/ [eingesehen am 29.11.2022].

[29] Vgl. exemplarisch die Beiträge im Debattenblog der IL zum Thema G20: URL: https://blog.interventionistische-linke.org/g20-gipfel [eingesehen am 29.11.2022].

[30] Thomas Seibert, Minderheitslinke Revolte und mehrheitslinke Kritik, in: Debattenblog der IL, September 2017, URL: https://blog.interventionistische-linke.org/g20-gipfel/minderheitslinke-revolte-und-mehrheitslinke-kritik [eingesehen am 29.11.2022].

[31] …ums Ganze!, Ein Gruß aus der Zukunft. Mitteilung des …ums Ganze!-Bündnis zum Verlauf der G20-Proteste in Hamburg, URL: https://www.g20hamburg.org/de/content/ein-gruss-aus-der-zukunft [eingesehen am 29.11.2022].

[32] Vgl. Martin Birkner u. Robert Foltin, (Post-) Operaismus. Von der Arbeiterautonomie zur Multitude. Geschichte und Gegenwart, Theorie und Praxis, Stuttgart 2010.

[33] Vgl. shutdown-hamburg.org, G20-Proteste: Massenhafter Ungehorsam auch im Hamburger Hafen, 11.04.2017, URL: https://umsganze.org/g20-proteste-massenhafter-ungehorsam-auch-im-hamburger-hafen/ [eingesehen am 29.11.2022]; IL-Zwischenstandspapier, S. 4 u. S. 24; Friedrich Burschel u.a. (Hg.), Ungehorsam! Disobedience! Theorie & Praxis kollektiver Regelverstöße, Münster 2014. Auffällig ist allerdings, dass IL und uG das Adjektiv „zivil“ häufig weglassen.

[34] Zur Debatte in der politischen Theorie siehe: Andreas Braune (Hg.), Ziviler Ungehorsam. Texte von Thoreau bis Occupy, Stuttgart 2017.

[35] Dario Azzellini, Von den Tute Bianche zu den Ungehorsamen, in: Arranca! H. 23/2002, S. 27–30, hier S. 30.

[36] Gegenstand von juristischen Diskussionen ist beispielsweise die Frage, ob im Zusammenhang mit Sitzblockaden eine Gewalttat gegen diejenigen, die durch die Blockade am Fortkommen gehindert werden, vorliegt. Es hängt somit nicht selten von der Perspektive bzw. vom Gewaltbegriff ab, ob Protestpraktiken als gewaltfrei betrachtet werden oder nicht.

[37] Vgl. Azzellini, Von den Tute Bianche zu den Ungehorsamen, S. 27ff.

[38] Jan Ole Arps, Wo sind die Revolutionär*innen?

[39] Bundesministerium des Innern und für Heimat (Hg.) , Verfassungsschutzbericht 2021, Berlin 2022, S. 159.

[40] Vgl. Jan Ole Arps, Wo sind die Revolutionär*innen?; o.V., Die IL läuft Gefahr, Geschichte geworden zu sein, in: sunzibingfa.noblogs.org, URL: https://sunzibingfa.noblogs.org/post/2022/04/04/die-il-laeuft-gefahr-geschichte-geworden-zu-sein/ [eingesehen am 02.12.2022].

[41] Zit n. Jan Ole Arps, Wo sind die Revolutionär*innen?